Regisseur Adrian Pejo
Anmerkungen des Regisseurs
„Der Kameramörder“ fängt als Beschreibung eines idyllischen Wochenendes zweier
befreundeter Paare an, als sich langsam die Schatten eines unglaublich grausamen
Verbrechens lichten. Die entspannte Atmosphäre ändert sich zunehmend in ein von
Misstrauen und Anschuldigungen geschwängertes Klima.
Die Geschichte basiert auf dem herausragenden und gleichzeitig verstörenden Roman von
Thomas Glavinic. Durch die Protagonisten erfahren wir eine literarische Konfrontation mit
Voyeurismus und der Sensationslust. Die unglaubliche Gräueltat wird der Grausamkeit der
Medienwelt entgegengesetzt. („Ich nehme an, dass generell jeder Mensch ein Monster ist…“,
Thomas Glavinic.)
Obwohl die Adaption des Romans versucht, den Absichten der Geschichte so gerecht als
möglich zu werden, folgt sie auch den Strukturen und Regeln eines Psychodramas. Die
Geschichte konzentriert sich auf die Charaktere und die Beziehungen zwischen ihnen. Wir
entdecken nach und nach die Verbindungen zwischen den Charakteren, sowie ihre
emotionalen Grenzen und die dunklen Abgründe ihrer einsamen Seelen.
„Der Kameramörder“ ist keine Darstellung existierender Beziehungen. Wir wissen nicht viel
über die Protagonisten – ihre Hintergründe oder ihre Geschichten. Wir werden mitten in eine
gegebene Situation hineinversetzt, die diese vier Charaktere zu bewältigen haben. Je mehr
wir versuchen, diese Charaktere zu verstehen, desto mehr häufen sich die Fragezeichen
bezüglich ihres Verhaltens. Je mehr wir in ihre Innenleben vordringen, desto mehr merken
wir, wie weit sie sich von sich selbst und ihren Partnern entfernt haben.
„Der Kameramörder“ gibt keine Antworten und versucht nicht zu erklären, wie die Dinge
funktionieren, sondern behandelt die Dysfunktion unserer Beziehungen im Detail.
Das unkonventionell gestaltete Haus, in dem sich die Geschichte abspielt, wirkt am Anfang
freundlich und wandelt sich mit den Geschehnissen immer mehr in ein unbekanntes,
unheimliches und verlassenes Umfeld. Wir erfahren, dass sowohl die Gründe für den
Kindsmord irrational sind, wie auch die Reaktionen, Bindungen und persönlichen Grenzen der
Protagonisten von Irrationalität geprägt sind.
Die eingeschränkte Sichtweite an den Schauplätzen (Schilf, verlassene Landschaften)
vermittelt ein Gefühl von Angst vor einer unbekannten Gefahr, was sogar so weit führt, dass
Banalitäten als Bedrohung empfunden werden. Sogar eine harmonische Landschaft
verwandelt sich mithilfe von ungewöhnlichen Naturgeräuschen und dem Spiel zwischen Licht
und Schatten in einen Spielplatz projizierter Ängste. Die Isolation und Armseligkeit des
Schauplatzes wird zur Metapher für unseren Geist und unsere Seele und die ignoranten
Persönlichkeiten der Protagonisten.
Wir erleben die Geschichte durch Sonja’s Perspektive. Durch die Konstellation der Charaktere
nimmt sie eine eher verletzliche Position ein, die mehr auf Vertrauen basiert denn auf
Sicherheit. Das Publikum kann sich stark mit ihr identifizieren. Wir leiden mit ihr, als sie an
ihren Sinnen zu zweifeln beginnt, was ebenfalls ein bedeutsames Thema des Filmes ist: wem
vertrauen wir, wen kennen wir wirklich, können wir den Medien vertrauen, oder ist alles nur
eine verschwommene Reflektion von realen oder imaginären Ungeheuerlichkeiten.
Filmographie Robert Adrian Pejo (Auswahl)
Upstairs (2009)
Dallas Pashamende (2005)
Tödliche Tagung (Tatort) (TV) (2001)
R.I.P. Rest in Pieces (1996)
Der Weg nach Eden (1995)
Lipstick (1993)
Die Liebesleiden des Marc Anton (1991)
Amor und Psyche (1990)
Assassin (1988)
Fragen an Robert Adrian Pejo
Thomas Glavinic’s Buch erscheint beim Lesen unverfilmbar. Subjektive Perspektive,
eigentümlicher Duktus, eine Geschichte durchsetzt von Gewalt. Wie schafft man daraus
einen Film?
Ich musste mich im Kopf vom Buch verabschieden, eine ganz neue Form finden. Zuerst hat
mich die graphische Gewalt abgeschreckt, beim zweiten Blick wurde mir klar: Der wahre
Gehalt dieser Geschichte liegt in der völligen Beziehungslosigkeit dieser Menschen. Ich habe
dennoch Charaktere gesucht, mit denen sich der Zuseher identifizieren kann, das sind die
beiden Frauen. Sie erleben im Konflikt ein langsames Erwachen. Die Entfremdung der vier
Akteure erzählt letztlich die Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies.
Das Idyll der Natur und das kühle Design des Hauses – Finden sich hier Seelenzustände
wieder?
Ja. Die klaren Formen des Hauses sollen den Eindruck der Bühne verstärken: Auf dieser
zeige ich vier Menschen, frei von Vorgeschichten, in der einzig die Dynamik des Geschehens
zählt. Das Publikum soll dieses ganz neutral betrachten.
Wohin haben Sie die Gewalt, den Horror des Buches verbannt?
In die menschliche Vorstellung. Ich suchte eine Mischform aus Drama und Psychothriller. Die
Horrorelemente spielen sich in den Köpfen ab. Der Seelenzustand von Eva ist so angespannt,
dass sie fast Gespenster sieht. Erste Reaktionen bei Vorführungen zeigten, dass die
Menschen emotional nicht so leicht aus dieser Geschichte herauskommen.
